Einfach auβerordentlich

Die Kanadische Sopranistin Barbara Hannigan verfügt über gleich mehrere seltene Gaben

Berliner Philharmoniker
das magazin
Januar-Februar 2007

Auf dem Globus, wie man ihn auch dreht und wendet, findet sich der Ort nicht. Ist aber eigentlich auch kein Wunder. Waverley zählt nicht wirklich zu den Metropolen der Welt. 500 Seelen haben dort ihr Zuhause: an der Küste von Nova Scotia, Kanada. Und doch gibt es eine Verbindung zwischen der groβen weiten Welt und diesem pittoresken, von den Errungenschaften der Zivilisationsgesellschaft noch weitgehend unberuhrten Ort, wo die Hausturen noch nicht abgeschlossen werden. Es ist das Radio. Und am selbigen kleben zuweilen die Ohren vieler Einwohner von Waverley, gespitzt wie ein neuer Bleistift, und, das versteht sich von selbst, ein bisschen stolz. Denn die, deren Stimme fiber den Ather zu ihnen hinüberschallt, ist eine von ihnen, die hier, in Waverley, einst im Chor gesungen und diesen Chor vom Klavier aus begleitet hat.

Es ist kaum ubertrieben, wenn man these Stimme, die ihren Wert vor allem der Ausbildung durch Mary Morrison verdankt, die auch eine Spitzensangerin wie Adrienne Pieczonka zu ihren Schulern zahlt, mit dem Pradikat »auβerordentlich« belegt und wurdigt. Denn der Sopran von Barbara Hannigan verfugt nicht nur uber eine bemerkenswert weit gespannte Tessitura, sondern ist auch in seinen Couleurs und Valeurs, seiner Lichtheit und seinem Timbre entschieden solitar. Dieser Sopran ist, und das darf man als wirklich auβerordentlich bezeichnen, problemlos in der Lage, seine Fahigkeiten in ein und derselben Sekunde sowohl einer Figur aus einer Cavalli, Handel cider MozartOper zu leihen, als auch der Protagonistin von Gyorgy Ligetis meisterlichem Musiktheaterwerk Le Grand Macabre. Kurzum: Es ist eine groβartige, auβergewohnliche Stimme.

Interessant ist, was Barbara Hannigan, die rechtmaβige Stimmbesitzerin, dazu sagt: Sie singe eine Alinda (Cavallis Giasone), eine Dalinda (Handels Ariodante) und eine Despina (Mozarts Cosi fan tutte) mit exakt der gleichen Technik wie eine Saskia de Vries in Writing to Vermeer von Louis Andriessen oder wie die namenlose Frau in Michel van der Aas Kammeroper One; beides übrigens Rollen, die ihren Ruf als Ausnahmekönnerin in der Neuen MusikSzene letztgultig zementiermn. Und in der Tat: Wer im Oktober 2003 die Gunst der Stunde nutzte und eine der beiden (oder besser noch: beide) Aufführungen von One zu erleben das Gluck hatte, nahm teil an einer Sternstunde des modernen Musiktheaters: Mit nachgerade markerschütternder Innigkeit werkorperte Barbara Hannigan in One jene Frau, die darin der Frau in Schonbergs Erwartung frappierend ahnlich {sich allein in den dumpfen schatten« heiβt es dort} - an der Welt formlich zerbricht wie die Zweige, die sie unablassig zerknickt, indem sie jene Geschichten, die sie mit dieser Welt verbinden, versucht nachzuerzahlen. Aber nicht nur ihre eigene, sondern die von fünf anderen Frauen, die aber nach und nach alle zu ihr werden, in ihren Kopf, in ihren Korper kriechen. Und class dort die Angst wohnt. Und genau darum, sagt Barbara Hannigan, ginge es in One. Ein Stuck Ober Angst und über das Alter sei es. Und Ober die Angst vor dem Alter, vor dem Prozess des Altwerdens.

Was selten geschieht, bei der Berliner Aufführung geschah es: class Korper und Stimme eins wurden, und class man irgendwann beides nicht mehr auseinanderhalten konnte, sich als Zuschauer beinahe selbst auf die Bühne gebannt sah. Und eigentlich kam man nicht umhin, an eine Sentenz des schweizerischen Philosophen Ludwig Hohl erinnert zu werden, der Ober den Menschen, der eines Leidens teilhaftig wird, die folgenden prophetischen Worte fand: »Er fasst das Leiden materiell auf, determiniert, unveranderlich; einem Steinbock gleich: dass vielmehr das Leiden eine Chance ist: fur Gewinn oder Verlust. Anders gesagt: class es nicht auf das Leiden ankommt, sondern darauf, was wir daraus machen. Wer das nicht einsieht, wer meint, dass es auf das Leiden selber ankomme, für den gilt es doch: er hat sich schon für das eine entschieden, für den Verlust.« Bevor sie das auf der Bühne des Berliner Festspielhauses tun konnte, sah sich Barbara Hannigan vor eine weit profanere Herausforderung gestellt:

Wie nicht selten, so hatte auch im Falle von One der Komponist den Zeitrahmen his an die Grenze der Belastbarkeit gedehnt. Sprich: die extrem komplizierte Partitur lag erst funf Wochen vor der Premiere auf dem Schreibtisch in Amsterdam. Dort lebt Barbara Hannigan seit funf Jahren, in einem Haus, das kein normales Haus ist, denn in dem Haus wohnte einst die Witwe von Theo van Gogh, dem Bruder von Vincent, und neben ihr viele von dessen Bildern. Da blieb ihr nichts anderes übrig, als alles andere stehen und liegen zu lassen und sich fortan nur noch mit diesem einen Stuck zu beschaftigen, von morgens bis abends. Und eben­so in der Nacht. Denn sogar mit ins Bett kamen die Noten, und wenn sie morgens aufwachte, erzahlt Barbara Hannigan, dann babe die Partitur auf der Decke gelegen und ebendorthin seien ihre Augen auch sogleich gewandert.

Der Erfolg gab ihr schlieβlich Recht. Zudem, was soll man sich beklagen, wenn man das Singen als das Zentrum seines Lebens betrachtet, wie Barbara Hannigan es tut. Singen jedoch nicht als Moglichkeit, die eigene Karriere zu befordern, ins Rampenlicht der Offentlichkeit zu gelangen, wo die Scheinwerfer zum Teil so stark blenden, dass man die suggerierte von der tatsachlichen Qualitat kaum noch unterscheiden kann, nein: Singen als pure Kunstausübung. Auch hier ist es interessant, was Barbara Hannigan sagt: Das Geschaft sei nun einmal so, aber: »Mich stort das nicht, weil es die Essenz von Kunst nicht berührt. Manche Stars sind eben Stars und keine besonders guten Musiker, manche sind beides, und manche sind nur gute Musiker.« Wichtig - sie weitet ihren Blick - wichtig sei es doch nur, das Leben der Zuhorer zu bereichern. »Darum geht es mir in der Kunst. Ich will gute Stucke gut singen, mehr nicht. Das bereitet mir physische, intellektuelle und emotionale Befriedigung.« Punkt.

Es gibt Sanger auf dem Klassik-Markt, die sagen in Interviews mal eben solche Satze, bevor sie zum nachsten Fotoshooting hetzen, und das so zielgerichtet wie druckfertig. Barbara Hannigan sagt solche Satze erst nach knapp zwei Stunden intensiven und exkursreichen Gesprachs. Und das wirft einen Blick auf ihr Selbstverstandnis. Hier ist eine Künstlerin, die es nicht notig hat, die popularen Satze gleich loszuwerden, damit sie auch bitte schon ja im Text vorkommen. Hier ist eine Kunstlerin, die viel lieber erzahlt von dem, was andere, beruhmtere Kunstler bei ihr »angerichtet« haben.

Zum Beispiel und fur sie bedeutungsvoll ist Gyorgy Ligeti, dessen Requiem Barbara Hannigan bei drei Konzerten Mitte Januar bei den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Peter Eotvos ihre Stimme leihen wird. (Sie singt die recht heikle Solo-Sopran-Partie, die sie aber, wie es so schon hei9t, »drauf hat«; auβerdem ist sie seit ihrem inoffiziellen Debüt bei den Philharmonikern mit der Sopranpartie in Henri Dutilleuxs Correspondances anno 2006 in Salzburg unter Leitung von Sir Simon so nachhaltig verliebt in den Klang des Orchesters, dass sie mit groβter Vorfreude an these Partie und die drei Konzertabende denkt.) Ligeti babe ihr Singen und sogar das Verstandnis von Singen verandert, sagt sie; seine Stücke seien Unikate, die nicht einmal in das zo. Jahrhundert einzuordnen seien, weil sich in ihrer Einzigartigkeit das universale Denken und Schopfen Ligetis manifestiere.

Nicht zufallig zahlt sie Ligetis Mysteries aus Le Grand Macabre zu ihren absoluten Lieblingsstücken, mithin zu jenen, die sie sprichwortlich im Schlafe interpretieren konnte. Nich't zufallig will sie, so nicht fortwahrend jene Komponisten, die eigens fur sie Stucke schreiben (gegenwartig sind es so renommierte Zeitgenossen wie Gerald Barry, Pascal Dusapin, Luca Francesconi und Richard Ayres), die Partituren zu spat abliefern, ein Buch uber Ligetis enorme Einflusse auf die Gesangsinterpretation schreiben. Und so ist sie auch am 25- Juni vergangenen Jahres zum Begrabnis Ligetis nach Wien geflogen, um gemeinsam mit anderen Freunden und Bekannten des Komponisten in der Simmeringer Feuerhalle Abschied zu nehmen.

Aus diesem Abschiednehmen ist Augerordentliches entstanden: ein Text, in dem sich Barbara Hannigan an einige Augenblicke dieses Tages zuruckdenkt, vor allem an jenes Konzert im Konzerthaus Wien, in dem verschiedene Interpreten ihre sehr personliche Wurdigung des Komponisten in Tone und Klange formten. Wenn sie sich nun, im Gesprach, daran erinnert, dann ist ihr vor allem die Auffuhrung des letzten Stucks gegenwartig, die Wiedergabe des Poeme symphonique fur ioo Metronome. Als nur noch ein Metronom geschlagen habe und das dann irgendwann aufgehort babe, sei allen im Saal klar geworden, was damit gemeint war...

Das Leben, es klingt profaner als es ist, geht weiter. Und wenn auch in einer kleinen Ecke ihres Herzens (und ihres Bewusstseins) immer ein Platz fur Gyorgy Ligeti reserviert sein wird, und wenn sie auch danach trachten wird, mogTichst haufig seine Werke, die einen Sopran beinhalten, aufzufizhren, so geht der Blick von Barbara Hannigan doch in die Zukunft. Künstlerisch ist these Zukunft vorerst sicher, der Terminplan ist, da es sich inzwischen herumgesprochen hat, wie auβerordentlich Barbara Hannigans Fahigkeit zu intensiver Interpretation ist, uber Jahre gut gefullt. Aber da ist noch etwas anderes.

Die Frage des Wohnsitzes. Amsterdam, sehr schon. Auch die kleine Wohnung in Paris will Barbara Hannigan nicht aufgeben. Doch am liebsten ware es ihr, sie wurde ein Haus finden, dass in einer Gegend steht, die so ist wie die um das kleine Dorf in Nova Scotia. Das zu finden, dürfte in der Tat nicht ganz so einfach sein. Aber nach Waverley zurück kann Barbara Hannigan nur noch besuchsweise. Oder per Stimme. Und ganz gewiss werden sie dann wieder ihre Ohren an das Radio schmiegen, die Fans daheim, in ihrem Dorf, das immer ihre Heimat geblieben ist.

VON JURGEN OTTEN