Universelle Gedanken in Tönen

Mit einer Uraufführung im Zentrum war das letzte Musikkol­legiumskonzert des Jahres ein spezielles Ereignis: Ein weit dimensioniertes Violinkonzert, wie es Alfred Felder schrieb und Pär Näsbom spielte, kommt nicht alle Tage zum Vorschein.

WINTERTHUR – Am letzten Abon­nementskonzert im alten Jahr erlebte der Besucher drei Musikstile, die sich historisch wie in ihrer formalen Er­scheinung total unterschieden: Ei­ner durchkomponierten Sinfonie der Spätromantik folgte die Uraufführung eines ebenfalls einsätzigen Solisten­konzertes, dessen Dialogcharakter be­sonders deutlich zutage tritt. Und den Schluss bildete eine klassische Sinfo­nie in typischer Viersätzigkeit. Gute Hörbereitschaft wurde da zwar erwar­tet, sie wurde aber auch unausgesetzt angeregt; denn Jac van Steen stand vor dem Orchester Musikkollegium Win­terthur, das seinerseits Können und Geistesgegenwart souverän zur Ver­fügung stellte. Und Pär Näsbom, Füh­rer der zweiten Violinen, war ein so brillanter wie ausdrucksstarker Solist für das von Alfred Felder im Auftrag des Musikkollegiums komponierte und dem Solisten gewidmete Violin­konzert, das als Hauptereignis im Zentrum des Abends stand.

Leben und Tod

«Open secret, sohbet for violin solo and orchestra» des 1950 in Luzern ge­borenen Komponisten Alfred Felder ist eine Art Violinkonzert in Form einer sinfonischen Dichtung, in wel­cher aufgrund eines Gedichtes des is­lamischen Poeten und Meister der persischen Lyrik Jelaluddin Rumi (1207–1273) ein mystischer Dialog mit einem verstorbenen Freund suggeriert wird. Felder hat dazu eine unerhört wechselvolle Tonsprache entwickelt, die von mehreren weit ausholenden, ja erschöpfenden Solokadenzen über zahlreiche knappe Duo- und Trioge­spräche mit einzelnen Orchesterin­strumenten auch bis zu explosivem Tutti reicht. Das Mysterium zwischen Leben und Tod wird mit Geisterklän­gen beschworen, und in hohem, kaum noch realem Register verklingt das Werk im feinsten Pianissimo.

Näsbom meisterte seine zahlreichen schwierigen Aufgaben als Protagonist, Partner, Dies- und Jenseitiges anrüh­render Interpret violinistisch ebenso bravourös wie in Ton- und Ausdrucks­gestaltung nobel. Van Steen seinerseits sorgte für hochkonzentrierte Geistes­gegenwart, die sowohl dem mannig­faltig organisierten Zusammenwirken aller Elemente als auch deren Aus­drucksgehalt zu dienen hatte. Und sie alle, Streicher, Bläser, Schlagzeuger, hielten mit vollem Einsatz mit: Kom­ponist, Solist , Dirigent und Orchester ernteten dafür langen Beifall.

Abschied und Aufbruch

Mit einer weit über die Oktave hinaus­reichenden Skala hebt die 1924 urauf­geführte 7. Sinfonie von Jean Sibelius an, die auch seine letzte war: Ein Sym­bol für die Weite, die er räumlich wie im Fluss der Zeit und der kommenden vergehenden Gefühlsströme musika­lisch versinnbildlichen mochte? Die mit grosser Intensität im Leidenschaft­lichen, aber auch Feierlichen und Be­sinnlichen gestaltete Interpretation liess diese Assoziation immer erneut aufkommen. Beeindruckend die Or­chestervirtuosität im schnellen, scher­zoartigen Triolenabschnitt, klangsinn­lich lustvoll die gelegentlichen Ak­kordparallelen, festlich das goldglän­zende Blech für einzelne Höhepunkte.

Nach der Überfülle all der Hörein­drücke des ersten Konzertteils sorgte nach der Pause Beethovens Siebte für jenen Erlebniskontrast, der nun von­nöten war: Denn sie gehört zu den Meistgespielten und Vertrautesten und wohl auch Beliebtesten der Gat­tung: Klar umrissen die Charaktere je­des der vier Sätze, kühn in der Allüre, berührend und bewegend in der nach­denklichen und zu grosser Steigerung bestimmten Wanderung durch das Allegretto: Hohe Präzision war da in den dominierenden rhythmischen For­meln der Ecksätze gefragt, genussvolle Klangschönheiten im Melodischen, Elan in der sehr betonten Zielgewiss­heit der grossen Formabläufe: All das wurde, mit gelegentlichem Über­schuss, aber hinreissend realisiert, und reich beschenkt spendete das Publi­kum nochmals lang anhaltenden Bei­fall.

RITA WOLFENSBERGER / DER LANDBOTE / FREITAG, 21. DEZEMBER 2007