"Weniger geht nicht mehr"

Dortmund/Hagen. Der renommierte holländische Dirigent Jac van Steen wird ab Sommer neuer Generalmusikdirektor der Dortmunder Philharmoniker. Van Steen ist nicht nur ein verehrter Maestro, er gilt auch als hervorragender Musikprofessor.

Jac van Steen (links) und Antony Hermus

Zu seinen Schülern gehört der scheidende Hagener GMD Dr. Antony Hermus. Im WP-Gespräch erzählt van Steen von Sparzwängen und Kulturauftrag. Jac van Steen ist erkältet, als wir uns vor der Probe treffen, doch das tut seinem Charme und seiner Energie keinen Abbruch. Heute Abend wird der 51-Jährige mit den Hagener Philharmonikern unter anderem Robert Schumanns "Rheinische" dirigieren. Schöne, aber schwere Musik.

Der Holländer gilt als enorm erfahrener Dirigent von außergewöhnlicher Musikalität. Gerade erstere Eigenschaft wird er als Generalmusikdirektor in Dortmund brauchen, gelten Orchester und Oper in der Nachbarstadt Hagens doch als etwas verwahrlost. "Man spürt, das viel zu tun ist", sagt van Steen. "Und das viel Wollen da ist, um das zu tun. Es gibt sehr viele offene Türen, um Ideen zu entwickeln, das ist für mich eine erfreuliche Situation. Ich habe das Gefühl, man kann wirklich etwas bewegen."

Jetzt arbeitet van Steen als Gast in Hagen, wo sein Schüler Antony Hermus es vom Praktikanten zum GMD gebracht hat - eine Entwicklung, auf die der Lehrer sehr stolz ist. Natürlich sind dem Musiker, der Chef in Weimar, Winterthur und Nürnberg war, darüber hinaus unter anderem regelmäßig das Hallé Orchestra in Manchester und das London Symphony Orchestra dirigiert, die Spardiskussionen in Hagen und anderen deutschen Städten nicht entgangen.

Haben die kleineren Theater und Orchester überhaupt eine Zukunft? Eine Frage, die van Steen unbedingt bejaht. "Wir haben fast keine Religion mehr in unserer Gesellschaft. Deshalb brauchen wir die Theater umso mehr", unterstreicht er. Heute müssen im Theater die Werte verhandelt werden, durch die sich eine bürgerliche Gesellschaft definiert. "Jede Stadt, die sich selbst respektiert, kann sich ein Theater leisten, weil das Publikum zeigt, dass man sich mit dem Haus identifiziert.

Die deutsche Theaterlandschaft ist einzigartig auf der Welt, das gibt es in keinem anderen Land." Die gegenwärtigen Streichkonzerte sind ein Thema, über das sich der Maestro aufregen kann. "Das Wort ,eigentlich' kann ich nicht mehr hören. Dann geht es wieder nicht um Inhalte, sondern nur um die Kosten. Weniger als das, was sie in Hagen als Mittel zur Verfügung haben, geht nicht. Man denkt zu sehr ans Geld, man denkt nicht an die Qualität. In diesen kleinen, zerbrechlichen Häusern ist das eine ganz gefährliche Sache, da wird mit so wenig Geld ein Spielplan gemacht. Was man wegstreicht, das kommt nie wieder zurück."

Nun gehört van Steen sicher nicht zu den Künstlern, die das Geld, das nicht da ist, mit vollen Händen aus dem Fenster werfen wollen. "Ich bin gerne bereit, über größere Flexibilität zu diskutieren. Wir sind in Deutschland doch etwas im Elfenbeinturm als Orchester. Da geht es anderswo anders zu."

Doch in Sachen Arbeitsmoral gebe es gerade bei kleinen Orchestern wie dem Hagener keinen Grund zur Klage. "Antony Hermus hat es geschafft, dass man in Hagen eine Arbeitsatmosphäre hat, bei der das Orchester weiß, wir können durch Qualität nur gewinnen. So eine Atmosphäre ist mein Traum für Dortmund."

Das Sinfoniekonzert mit Jac van Steen beginnt heute um 20 Uhr in der Stadthalle Hagen. Karten: Tel: 02331 / 2073218.

Der Westen, 28.04.2008
Monika Willer